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Lohnt es sich? RFID-Einsatz in der Logistik

Textillogistik auf großer Fahrt. Prof. Dr.-Ing. Rolf Jansen, Dipl.-Kfm. André Mannel (beide Universität Dortmund) und René Koch (integral) nehmen die Wirtschaftlichkeit des RFID-Einsatzes ins Visier.
Von Prof. Dr.-Ing. Rolf Jansen, Dipl.-Kfm. André Mannel (Universität Dortmund, Fachgebiet Logistik), René Koch (integral)

Als sich Christoph Columbus aufmachte, den Seeweg nach Indien zu erschließen, ahnte er noch nicht, in welche Gewässer er tatsächlich steuerte. Seinem Irrtum, aber auch seinem unerschütterlichem Glauben verdankte er die Entdeckung einer neuen Welt.

Damit die Investition in ein RFID-Projekt kein waghalsiges Abenteuer wird, ist Orientierung gefragt. Für den Einsatz in der Textilindustrie hat RFID bereits die Segel gesetzt. Nun befindet sich die Technologie auf großer Fahrt. Der ersehnte Zielhafen: Die Wirtschaftlichkeit. In einem aktuellen Forschungsprojekt nimmt sich das Fachgebiet Logistik der Universität Dortmund (FLog) dieser Aufgabenstellung an.

Der Einsatz der RFID-Technologie in der Bekleidungsindustrie gewinnt immer mehr an Bedeutung. Nicht zuletzt durch die Aktivitäten großer Handelskonzerne, die von ihren Herstellern die Ausstattung von Paletten, Kartons und Produkten mit RFID-Transpondern fordern. Die generelle Einsetzbarkeit der RFID-Technologie in der Textilbranche untersuchte das Fachgebiet Logistik der Universität Dortmund (FLog) bereits im Rahmen eines Mitte 2003 abgeschlossenen Forschungsprojekts. Nun nimmt ein neues Projekt die Wirtschaftlichkeit des RFID-Einsatzes unter die Lupe. Das Ziel ist die Entwicklung eines Kostenbewertungsmodells, welches individuelle Prämissen und Kostentreiber auslotet, praxisnah den Bedarf ermittelt, Einsparpotenziale entlang der gesamten Supply-Chain aufzeigt und somit Unternehmen der Textilbranche Entscheidungshilfe für eine maßgeschneiderte Lösung bietet.



Neben der Ermittlung eines detaillierten Anforderungsprofils, bei der neben bekleidungsspezifischen, logistischen und EDV-technischen auch wirtschaftliche Anforderungen untersucht wurden, gab es diverse Pilotversuche bei mehreren Unternehmen der Bekleidungsindustrie. Da hierbei nicht nur die logistischen Abläufe im Wareneingang, in der Lagerung, der Kommissionierung und dem Warenausgang im Fokus standen, sondern auch sich im Ausland befindliche Produktionsstandorte (zum Beispiel Bangladesh) einbezogen wurden, konnten Aussagen über die Wechselwirkungen der RFID-Technologie in der gesamten logistischen Kette gemacht werden. Neben den durchaus vorhandenen Optimierungspotenzialen konnten dabei auch Restriktionen festgestellt und Ansätze für Produktverbesserungen gewonnen werden.

Im Rahmen der Projektbearbeitung wurde jedoch deutlich, dass neben den technologischen Gesichtspunkten vor allem wirtschaftliche Faktoren die Entscheidung für oder gegen den Einsatz der RFID-Technologie beeinflussen. Aus diesem Grund erstellt das FLog zurzeit im Rahmen eines weiteren Forschungsprojektes ein Kostenbewertungsmodell zum Einsatz der RFID-Technologie in der Bekleidungsindustrie.

Neben der Analyse und Erfassung der RFID-relevanten Kosten, der Definition sowie der Quantifizierung des RFID-Nutzens wird hierzu auch ein Software-basiertes Bewertungsmodell entwickelt. Dieses berücksichtigt die individuellen Voraussetzungen der einzelnen Unternehmen und bietet damit eine verlässliche Aussage zur Wirtschaftlichkeit des Transpondereinsatzes in dem jeweiligen Unternehmen.

Einweg oder Mehrweg?

Basierend auf der Tatsache, dass die Integration von Transponder-Etiketten direkt in Bekleidungsstücke zurzeit noch problematisch ist, sind für die Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit Überlegungen zum Einsatz eines Mehrweg-RFID-Labels anzustellen. Dieses kann am Point-of-Sale (POS) vom Bekleidungsstück abgetrennt und zur Wiederverwendung zum Hersteller zurückgeschickt werden. Damit unterscheidet es sich vom üblichen Einweg-RFID-Label, das nur einmal die Kette durchläuft. Die Nutzung von Mehrweg-Labels in der Textilbranche bietet sich demnach gerade für eine Verfolgung der Warenströme auf Artikelebene (Item-Tagging) an. Einweg-Labels sind wegen ihrer kostengünstigeren Produktion und der einfachen Befestigung über Klebefolien hingegen prädestiniert für eine Anbringung auf Paletten, Kartons oder Verpackungen (Unit-Tagging).

In einem ersten Schritt hat das FLog in Zusammenarbeit mit dem projektbegleitenden Ausschuss, und hier besonders mit der Dortmunder integral logistics GmbH & Co. KG, einen Ansatz entwickelt, mit dem die Wirtschaftlichkeit des RFID-Einsatzes entlang der textilen Supply-Chain untersucht werden kann. Dabei sind zunächst folgende Schritte zu berücksichtigen:

Definition der Rahmenbedingungen

·In welchem Detaillierungsgrad soll eine Rückverfolgbarkeit von Produkten nachvollziehbar sein? Ist die reine Identifikation von Objekten ausreichend oder sollen zusätzliche Informationen, wie zum Beispiel die Verweildauer der Objekte, an einzelnen Knotenpunkten zur Verfügung stehen?

·Welche dieser Daten sollen dezentral auf jedem Transponder gespeichert werden und welche Zusatzinformationen lassen sich über eine Verknüpfung mit einer zentralen Datenbank generieren?

·Reicht es im System aus, ganze Sendungen oder LKW-Ladungen zu kennzeichnen oder wird die Verfolgung von Paletten, Kartons oder gar von Einzelprodukten gewünscht?

Definition der Struktur

Das Gesamtsystem ist durch verschiedene Knotenpunkte definiert. Solche Knotenpunkte können beispielsweise Produktionsstätten, Lagergebäude oder Verkaufsfilialen sein. Im Unternehmen werden nur die innerbetrieblichen Identifikationspunkte – zum Beispiel Wareneingang, Lagerung, Kommissionierung und Warenausgang – betrachtet. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass in Abhängigkeit von der Anzahl der beteiligten Akteure die Komplexität der Struktur sowie die wechselseitigen Beziehungen wachsen.



In der textilen Kette ist viel zeit- und kostenintensive Handarbeit im Spiel. Mit Hilfe von RFID lassen sich an allen Knotenpunkten manuelle Vorgänge vereinfachen.

Mengengerüst und Materialfluss

Anhand der Struktur der logistischen Kette sowie der zwischen den Knotenpunkten transferierten Mengen lässt sich ein Materialflussdiagramm erstellen, welches das dem Logistiksystem zugrunde liegende Mengengerüst abbildet. Darin ist enthalten, wie viele Paletten, Behälter oder Einzelartikel die einzelnen Knotenpunkte passieren. Folgende Parameter sind dabei zu berücksichtigen:
  • Gesamtmenge der Einzelartikel pro Jahr
  • Anzahl der Produktionsstandorte mit Ausbringung
  • Anzahl der Herstellerlager
  • Anzahl der Handelslager
  • Anzahl der Filialen
  • Mengenverhältnis von Liege – und Hängeware
  • Anzahl der Teile pro Verpackungseinheit
Prozess- und Potenzialanalyse

Eine umfassende Prozess- und Potenzialanalyse kann eine unternehmensübergreifende Prozesstransparenz schaffen. Denn gerade eine differenzierte Analyse ist ein wesentlicher Indikator für die Aussagefähigkeit einer späteren Berechnung. Eine Besonderheit der logistischen Kette in der Textilbranche liegt in der Unterscheidung der Prozessabläufe für Liegeware und Hängeware. Der Unterschied besteht darin, dass Liegeware in Transportbehältern, wie zum Beispiel Kartonagen, Paketen oder Mehrwegsteigen, verpackt und auf Paletten transportiert wird, während Hängeware auf Kleiderbügeln den Weg durch die Supply-Chain nimmt.

Die Vorgehensweise einer Prozesskostenrechnung liefert unter anderem Antworten auf folgende Fragen:

  • Welche Tätigkeiten fallen in der Kette an?
  • Wie viel Zeit nehmen die Tätigkeiten in Bezug auf das zu kennzeichnende logistische Objekt in Anspruch?
  • Welche Kostentreiber können für die durchzuführenden Tätigkeiten identifiziert werden?
  • Welche Kosten fallen für die logistischen Prozesse (Warenannahme, Kommissionierung und so weiter) an?
  • Welche Zeitveränderungen ergeben sich durch den Einsatz von RFID?
  • Welche Kostenveränderungen leiten sich daraus für die Beteiligten in der logistischen Kette ab?
Im Rahmen der Potenzialanalyse kann beispielsweise herausgestellt werden, dass innerhalb der Supply-Chain an den Punkten des Warenübergangs – also dort, wo eine Ladung, eine Palette, ein Karton oder ein Teil den internen Bereich eines Unternehmens verlässt – manuelle Zähl-, Scan-, Erfassungs- und Kontrollvorgänge auftreten, die zeitaufwendig und dadurch kostenintensiv sind. Darüber hinaus bergen sie die Gefahr von Fehlern, eben weil die Arbeitsvorgänge per Hand ausgeführt werden.

Mit Hilfe der RFID-Technologie könnte durch die ständig am Bekleidungsobjekt vorhandenen Statusinformationen eine fast durchgängige Echtzeitverfolgung der Ware und eine effizientere Lagersteuerung vorgenommen werden. Die deutschen Konfektionäre müssen – nicht zuletzt um gegenüber dem Handel eine ständige Liefertreue gewährleisten zu können – hohe Lagerbestände vorhalten. Diese tragen dazu bei, dass eine Prozessbeherrschbarkeit mit Hilfe der heute eingesetzten Technologien oftmals kaum oder nur schwer zu erreichen ist. Von dem Einsatz der RFID-Technologie könnte so die gesamte textile Kette, also auch der Handel und der Logistikdienstleister, profitieren. Darüber hinaus ergeben sich durch die zeitnahe Verfügbarkeit von Lagerbeständen weitere Vorteile, die sich beispielsweise in einer Lagerbestandsreduktion und einer schnelleren Reaktion auf Handelsanfragen äußern können.

Ermittlung von Investitionen und Kosten

Die Implementierung einer neuen Technologie verspricht nicht nur Einsparungspotenziale durch Prozessbeschleunigungen, sondern verursacht auch Kosten, die ohne eine Umstrukturierung der Prozesse nicht anfallen würden. Deshalb bietet die Aufstellung eines Mengengerüsts eine Hilfestellung für eine Dimensionierung und Auslegung des gesamten Systems im Bezug auf die Investitionen und laufenden Betriebskosten. Es gibt Informationen darüber, zu welchem Zeitpunkt, an welcher Stelle und wie viele Einheiten des zu betrachtenden logistischen Objektes bearbeitet werden. Anhand von Leistungsprofilen für RFID-Komponenten wird der Bedarf an Komponenten (Antennen, Reader, Kabel und so weiter) für jeden Knotenpunkt ermittelt. Dies geschieht in Abhängigkeit von der Lieferstruktur und des Mengengerüsts. Zusätzlich zu den Anschaffungs- und Betriebskosten sind für eine detaillierte Wirtschaftlichkeitsbetrachtung weitere Kosten wie Schulungs-, Wartungs- und Kapitalkosten zu berücksichtigen.



Erst die genaue Kenntnis des Bedarfs entscheidet das Zusammenwirken der RFID-Komponenten – und damit die Kosten.

Wirtschaftlichkeitsbetrachtung


Im letzten Schritt müssen nun die in Geldeinheiten bewerteten Einsparpotenziale aus Prozessveränderungen den ermittelten Investitionen und Kosten gegenübergestellt werden. Die in der Praxis verwendeten Methoden zur Wirtschaftlichkeitsbetrachtung logistischer Systeme beschränken sich in der Regel auf unmittelbar monetär erfassbare Einflussgrößen. Klassische Investitionsrechnungen wie die Kapitalwertmethode oder die Amortisationsrechnung vernachlässigen jedoch den Anteil an qualitativen Nutzenfaktoren, wie Flexibilität, Qualität, Sicherheit, Störanfälligkeit, Kostenvariabilität und Abhängigkeit.

Wie in anderen Projekten des FLog wird auch in diesem Projekt großer Wert auf die Praxisrelevanz der Ergebnisse gelegt. Aus diesem Grund erfolgt die Bearbeitung in Kooperation mit Unternehmensvertretern aus der RFID-Branche, der Bekleidungsbranche sowie Logistikdienstleistern.